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Über Uns

Die europäische Kolonialgeschichte ist eng verwoben mit der Geschichte der deutschen und europäischen Universitäten. Wenn auch weniger sichtbar, setzt sich diese Geschichte heute noch in Lehrplänen, universitären Räumen und akademischem Denken fort und reproduziert in der Gegenwart koloniale und rassistische Denkweisen und Strukturen.

Das Forum Decolonizing Academia an der Universität zu Köln möchte eine Plattform für einen fächer-, fakultäts- und hochschulübergreifenden Austausch bieten, in dem koloniale Kontinuitäten und eigene Verwicklungen reflektiert und postkoloniale und dekoloniale Perspektiven und Projekte angestoßen und weiterentwickelt werden. Mitmachen können sowohl Studierende als auch Mitarbeiter*innen. Wir treffen uns einmal im Monat zu einem offenen Austausch, um (mit Gästen) über thematische Schwerpunkte zu sprechen, oder unsere Ideen zu entwickeln, wie z. B. Veranstaltungen oder ein Studium Integrale-Zertifikat "Dekoloniale/Postkoloniale Perspektiven". Daneben gibt es verschiedene Arbeitsgruppen, über die es hier mehr Informationen gibt.  

Dabei steht für uns die Frage im Mittelpunkt, wie bisher marginalisierte Epistemologien ins Zentrum akademischer Praxis gerückt und eurozentrische Sichtweisen auf die Welt „provinzialisiert“ (Chakrabarty 2000) werden können. Weitere zentrale Fragen, die wir offen, polyphon und kritisch diskutieren wollen, sind: Wie gestalten wir Curricula, Studiengänge und akademische Strukturen gerechter und weniger Weiß-hegemonial? Wie sind einzelne Disziplinen und Fächer an der Universität zu Köln und anderen deutschen Universitäten hinsichtlich der Berücksichtigung und Umsetzung kolonialismuskritischer Inhalte, Denkweisen und Haltungen aufgestellt? Wie kann selbstkritischer mit der Geschichte der Universität zu Köln und Universitäten im Allgemeinen sowie der Geschichte einzelner Fächer und Institute umgangen werden? Und welche kolonialen und rassistischen Muster, Strukturen und Denkweisen finden sich weiterhin in Wissenschaft, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Medien? Wie können diese sichtbar gemacht und abgebaut werden? All dies schließt die Frage ein, wie wir unsere eigenen einverleibten kolonialen und rassistischen Weisen des Denkens und Fühlens verlernen können.  

Wir sind inspiriert von dekolonialen Initiativen und Bewegungen im Kölner Raum und Deutschland sowie weltweit, wie z. B. in Südafrika, Kamerun, Neuseeland, den USA, Ägypten, Bolivien oder Brasilien. Das in Kooperation mit anderen akademischen und nicht-akademischen Initiativen und Institutionen gemeinsam gewonnene Wissen wollen wir nicht nur zur Verbesserung unserer eigenen universitären Strukturen nutzen, sondern auch in die breitere Öffentlichkeit tragen. Denn Dekolonialisierung ist überall auf der Welt eine zentrale Voraussetzung, um gesellschaftliche Verhältnisse und Lebensbedingungen gerechter, inklusiver und nachhaltiger zu gestalten. Die Überwindung kolonialer und rassistischer Strukturen und Denkweisen ist eine der zentralen Aufgaben des 21. Jahrhunderts. Eine kritische Beschäftigung mit (unseren eigenen) Privilegien und ausbeuterischen Herrschaftsverhältnissen erachten wir dabei als konstitutiv für wissenschaftliche Erkenntnisprozesse.

Seit einigen Jahren erfahren dekoloniale und postkoloniale Ansätze und Perspektiven eine erhöhte Aufmerksamkeit, auch in der deutschen Gesellschaft und Politik. Dennoch sind die gewaltsamen Eingriffe in andere Lebenswelten und das dadurch verursachte Unrecht sowie die zerstörerischen Langzeitschäden nach einer über 500-jährigen Geschichte deutscher und anderer europäischer Kolonialismen und Imperialismen auch im 21. Jahrhundert immer noch nicht ausreichend aufgearbeitet und anerkannt, weder in der Forschung noch in der breiten Öffentlichkeit. Eine umfassende rechtlich-politische Übernahme der Verantwortung für die begangenen Kolonialverbrechen steht weiterhin aus, auch wenn es in jüngster Zeit von Seiten der deutschen Regierung gegenüber Namibia kontrovers diskutierte Schritte der ‚Wiedergutmachung‘ gab.

Einerseits erklären sich die Widerstände gegen eine politische und gesellschaftliche Verantwortungsübernahme durch die ehemaligen Kolonialmächte und -gesellschaften damit, dass eine solche mit dem Verlust von Privilegien einhergehen und die Fortführung quasi-imperialer Politiken erschweren würde. Ein weiterer maßgeblicher Grund für die ausbleibende Anerkennung und Reparation ist die Weigerung, Genozide und anderen Kolonialverbrechen, aber auch die strukturellen ‚Umwandlungen‘ anderer Lebenswelten in ihrem systemischen Ausmaß und in ihrem europäischen und globalen Gesamtzusammenhang zu sehen. Diesem Kontext gehören sie historisch betrachtet in jedem Fall an, trotz aller Unterschiede zwischen den einzelnen nationalen Kolonialpolitiken. Das integrale Begründungsnarrativ dieser Verbrechen waren (und sind) zutiefst problematische Vorstellungen einer angeblich europäischen, ‚Weißen‘ Überlegenheit, die sich im Laufe des 17./18. (im Zuge der Aufklärung) und noch verstärkt im 19. Jahrhundert herausgebildet und zum modernen Rassismus entwickelt haben.

Im Rahmen des sogenannten ‚wissenschaftlichen’ Rassismus wurden Menschen und Lebensweisen nach Kategorien taxiert, abgewertet und entmenschlicht, die u.a.  in der Philosophie, Geschichte, Anthropologie und Geographie, den Sozialwissenschaften sowie der politischen Ökonomie des 18. und 19. Jh. entwickelt wurden. Zu diesen Kategorisierungen zählten u. a. Hautfarbe, Physiognomie, Art der Lebensweise, ‚Zivilisiertheit‘ und der Umgang mit den Toten, aber – wenn es ‚Weißer Überlegenheit‘ zugute kam (und noch immer zugutekommt) – auch berechnende Rationalität, ökonomisch oder ‚wissenschaftlich‘ messbare Leistung, Produktivität, Individualismus, Privatisierung und Privateigentum, Konkurrenzdenken und Fortschritt. Eine kritische Analyse des europäischen Fortschrittsbegriffs bedeutet hierbei ausdrücklich nicht, dass technischer und sozialer Fortschritt per se unmöglich seien oder abzulehnen wären. Vielmehr gilt es, die multikausalen Zusammenhänge und ebenso die schädigenden Auswirkungen auf diejenigen zu benennen, deren Leben und Lebenswelten durch angeblichen Fortschritt zerstört wurden und weiterhin werden. Wem nützt jeweils Fortschritt, und wer gehört zu den ‚Innovationsverlierer*innen‘? Westliche Historiker*innen haben diese Phänomene zu lange aus ihrem eurozentrischen Blickwinkel selektiv, normativ und einseitig erzählt.

All dies muss bei der Bewertung von dem, was Fortschritt sein soll, ausreichend berücksichtigt werden. Ein daraus resultierender Pluralismus würde bedeuten, Phänomene multi-perspektivisch zu betrachten, rassistische Hierarchisierungen zu überwinden und andere, offenere und pro-soziale Lebensweisen und Formen der Weltdeutung und des Handelns in der Welt zu erlernen. Diese neue Sicht auf menschliches Zusammenleben würde im gewaltsamen Aneignen und expansiven Besitzergreifen fremder Ressourcen keine herausragende ‚Leistung‘ oder ‚Errungenschaft‘ mehr sehen, sondern ein nicht zu rechtfertigendes Unrecht. Die intersektionale Analyse und Anerkennung der Geschichte von Unrecht und Ausbeutung und der damit verbundenen strukturellen Auswirkungen bis in die Gegenwart sind zentrale Aufgaben. Nur auf diesem Weg ist eine Überwindung des historischen und gegenwärtigen Rassismus möglich. Dieser ist sowohl in Deutschland als auch in zahlreichen anderen Gesellschaften bis heute tief verwurzelt und äußert sich maßgeblich gegenüber als nicht-Weiß gelesenen Menschen und Lebensweisen. Zudem hat Europa Weiße Wissensordnungen, Techniken und Praktiken auf der rassistischen Grundlage eines hierarchisch gedachten Menschseins (unterteilt in ‚zivilisiert‘ versus ‚primitiv‘) in die Kolonien exportiert bzw. in den Kolonien – als Räume des Experimentierens mit Mensch und Umwelt – vor Ort geschaffen. Zu nennen wären neben dem Konzept des Nationalstaats bspw. Ideologien wie dem Nationalismus, Disziplinaranstalten und bio-politische Techniken, neue Vorstellungen von Raum und Zeit, von ‚Modern-Sein’ oder auch neue Formen des ideologisierenden Erinnerns und der Geschichte. Obschon manche Eliten in kolonisierten Regionen das Programm der ‚mission civilisatrice‘ begeistert aufnahmen und die europäische Norm und koloniale und imperiale Praktiken darüber universalisiert wurden, so zeichnen doch die europäischen Staaten und Gesellschaften maßgeblich verantwortlich für die genannten Beschädigungen menschlichen Lebens und die Zerstörung von Natur und natürlichen Lebensgrundlagen. Die Tatsache, dass bereits vor dem Einsetzen des europäischen Imperialismus expansive Bemühungen anderer Kulturen wie beispielsweise der islamisch-arabischen, der vorspanischen Reiche in Lateinamerika oder der Mogulherrscher in Asien bestanden, auf die die europäischen Bestrebungen zum Teil aufbauten, darf in keinem Fall als Argument dafür dienen, die Hinwendung zur europäischen Kolonialgeschichte weniger kritisch zu betreiben oder das in ihrem Namen entstandene Unrecht gar zu entschuldigen. Andererseits sollte eine eingehende Auseinandersetzung mit dezidiert europäischen Kolonialismen ebenso wenig bedeuten, die Augen vor expansiven Imperialismen zu verschließen, die gegenwärtig oder in der Vergangenheit – ebenfalls mit zerstörerischen Folgen – von nicht-westlichen Akteur*innen betrieben werden.

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